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„Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ von Wilhelm v. Kügelgen (1802 – 1867)

Buchempfehlung von Marek Bohnacker


Es steht nirgends geschrieben, daß Gott unsern Kopf verlange, wohl aber unser Herz.

(Wilhelm von Kügelgen)


Wer war Wilhelm von Kügelgen?

Kügelgen schrieb gegen Ende seines Lebens eines der Lieblingsbücher des konservativen Bürgertums, einen Bestseller der Jahrzehnte um die vorletzte Jahrhundertwende. Das hier vorgestellte Buch begründete seinen Ruhm als Schriftsteller, doch erst posthum. Zu Lebzeiten war er ein recht mittelmäßiger Maler. Der Sohn des überaus erfolgreichen Portraitmalers und Dresdner Kunstprofessors Gerhard von Kügelgen konnte an dessen Erfolg nie anknüpfen und musste sich schließlich in ein bescheidenes Leben als Hofmaler in der anhaltinischen Provinz fügen, wo er sein halbes Leben verbrachte. Er wird heute vor allem als Dresdner Repräsentant der Literatur der Frühromantik wahrgenommen. Als Kind einer weitverzweigten Familie, deren kulturellen Bezüge weit über Sachsen hinausreichte und als Zögling sehr unterschiedlicher und häufig wechselnder Pädagogen, wurde er in vielerlei Weise geprägt und beeinflusst. Kügelgen war ein feinsinniger, oft melancholischer Mann, den es sich lohnt zu entdecken. Er entzieht sich der Reduktion auf Prädikate wie „Dresdner Künstler“ oder „romantischer, das Glück im Winkel beschwörender, Schriftsteller“. Mehr zu Wilhelm von Kügelgen weiter unten im Anhang zu dieser Buchrezension.

 

Zum Buch „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“

Mit seinen „Jugenderinnerungen“ gelingt es dem zum Zeitpunkt der Niederschrift (1855/56) bereits älteren - wenn auch aus heutiger Sicht noch nicht wirklich alten - Wilhelm v. Kügelgen, Geschichte und Geschichten aus der Perspektive des heranwachsenden Kindes lebendig werden zu lassen. Aus einem Brief an seinen Bruder in Russland vom 01. April 1856 erfahren wir über den Fortgang der Arbeiten an dem Buch: „Es ist so lange her mit den alten Geschichten, sie müssen alle von neuem erfunden werden, und wenn ich gewußt hätte, wie schwer das ist, so würde ich mich gar nicht damit befaßt haben.“ Die Mühen, die z.T. vagen Erinnerungen in eine lebendige, frische Erzählung zu übertragen, brachten eineliterarische Leistung hervor, die v. Kügelgen mit den „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ einen festen Platz nicht nur in der deutschsprachigen Literaturgeschichte gesichert hat, sondern ebenso eine anhaltend begeisterte Leserschaft. In den ersten 50 Jahren nach Erscheinen des Buches 1870 wurde es zu einem Bestseller (230. Auflage im Jahr 1922). Der Erfolg der ersten Jahrzehnte lässt sich herleiten aus dem noch relativ geringen Abstand zu den Geschehnissen und zugleich den beispiellosen Veränderungen in der Lebenswelt der Leser im Zuge der Industrialisierung. So wurde das Biedermeier als „gute alte Zeit“ romantisiert und das „Glück im Winkel“ idealisiert. Das Buch bediente diese Sehnsucht. Zugleich bot es eine einzigartig authentische und geradezu persönliche Begegnung mit berühmten Persönlichkeiten der Zeit wie Caspar David Friedrich, Goethe, Napoleon und anderen, was sicher auch heutzutage noch zu faszinieren mag.

Doch warum ist es auch für uns heutige Leser ein so großer Gewinn, dieses Buch wieder zur Hand zu nehmen? Wie kaum einem (Ricarda Huch wäre zu nennen, Stefan Zweig oder Oskar-Maria Graf) gelingt es v. Kügelgen, längst fixierte Geschichte so zum Leben zu erwecken, dass man die Ereignisse nicht nur nachvollziehen, sondern regelrecht miterleben kann. Man nimmt als Leser teil am Alltagsleben, an den kleinen Freuden und am Kummer des Kindes Wilhelm. Die liebevolle und humorvolle Beschreibung von Personen und Landschaften, Häusern und Gärten bis ins Detail zieht uns unweigerlich hinein in eine ferne und doch gar nicht so ferne Zeit. Wir erleben, dass Sorgen und inneres Erleben nicht viel anders sind als heute und auch manche gesellschaftliche Entwicklung erscheint neuzeitlich. So war die Mutter Wilhelms darum besorgt, als Wilhelm 14 Jahre alt war und konfirmiert  werden sollte, einen Pfarrer zu finden, der gläubig war und die Bibel als Wort Gottes lehrte. „In Dresden wollte sich nichts finden, wohl aber wurden wir durch Freunde, namentlich durch die Gräfin Dohna, auf einen Landgeistlichen namens Roller hingewiesen, der, wie wir jetzt erfuhren, für den einzigen gläubigen Theologen der Umgegend galt“ (Jugenderinnerungen, Manesse Zürich 1970, S. 381).  

Die Beschreibung der Ankunft bei Pfarrer Roller in dem Dorf Lausa mag ein Beispiel geben für v. Kügelgens literarisches Können: Spannungsaufbau, Humor, Atmosphäre, Charakterisierung Rollers, - alles bildhaft, anschaulich, ja fesselnd: „Wir waren lange durch Tannenwald gefahren, als dieser sich endlich lichtete und das hübsch gelegene Kirchdorf Lausa in einiger Entfernung sehen ließ. Rechts ab vom Wege zeigte sich ein blauer See, der Großteich genannt, umkränzt von Wald und Wiesen, die größte Wasserfläche, die ich bis dahin gesehen hatte. Es lag kein Schnee, die liebe Sonne blickte warm und freundlich über den Tannenhügel, und der Gedanke, an jenen einsamen Gestaden täglich zu spazieren und zu schwärmen, entzückte mich nicht wenig. Mit so angenehmen Voraussetzungen rollte ich im Pfarrhof ein.

Der Pastor Samuel David Roller war ein kleiner, untersetzter Mann, von breiten Schultern, hoher Brust und markigem, sehr starken Gliederbau. Sein großes, männlich schönes Gesicht, dessen feste Züge aus Stein gehauen schienen, trug den Stempel unwandelbarer Kraft, deren Starrheit jedoch durch einen Zug des Leidens um die dunklen Augen wie durch das lange, glatt gekämmte Haar gemildert wurde, das über den Rockkragen viel. Der Frack von grobem Tuch, kurze Kniehosen und hohe rindslederne Stiefel gaben seiner Erscheinung einen bäuerlichen Anstrich. In straffster Haltung, wie ein Korporal, trat er uns entgegen, verbeugte sich vor meiner Mutter und reichte mir die Hand, die sich wie Büffelhorn anfühlte; dann richtete er mich gerade. Endlich, sehr bedächtig redend, legte er mir gleichgültige Fragen vor und entließ mich“ (S. 383). Die hohen, von der schönen Natur noch befeuerten Erwartungen Wilhelms an seine Zeit bei Roller schienen derb enttäuscht zu werden, erst recht nachdem ihm die übrigen Bewohner des Pfarrhauses vorgestellt worden sind: „Auf diese Präsentationen folgte der Abschied von meiner Mutter, mit welcher ich am liebsten wieder nach Dresden zurückgefahren wäre [...]. „Ich stellte mich aber getrost und folgte den schwerfälligen Schritten des Pastors die Holztreppe hinauf in sein Studierzimmer“ [...] (S. 385). „Mein Leben gestaltete sich anders, als ich erwartet hatte. Von sanften Rührungen war ebenso wenig die Rede als von einsamen Spaziergängen an Teichen. Ich wurde kurzgehalten; jeder Schritt war vorgeschrieben und meine Freiheit mehr geschmälert als je zuvor. [...] Aber nach und nach gewöhnte ich mich; ja, ich fand soviel Verwandtes, Wohlverständliches und Anregendes in der Persönlichkeit des Pastors, daß er mein Herz gewann und sein Haus mir heimisch wurde“ (S. 400/401).Kügelgen kam während seiner Kindheit in den Genuss höchst eigenwilliger und sehr unterschiedlicher Pädagogen. Pfarrer Roller war darunter noch nicht einmal der Merkwürdigste. Seinen Konfirmandenunterricht beschreibt v. Kügelgen so: „Auf den Grund des Katechismus baute Roller das ganze Gebäude seiner Unterweisung auf. Er warf uns die Gebote ins Gewissen und pflanzte uns die Heilswahrheiten ins Gedächtnis, nicht deklamatorisch, nicht sentimental, auch nicht sehr herzlich, aber einfach, nüchtern, ernst und mit der imposanten Ruhe eines alten Praktikers, der an die kräftigste Wirkung dessen glaubte, was er zu geben hatte“ (S. 404).  

Tatsächlich legten die Mutter und Pfarrer Roller einen guten Grund: Kügelgen sah sich durch viele Schicksalsschläge hindurch, letztlich nur durch den christlichen Glauben gestärkt und getröstet. Religiöse Zweifel, Selbstzweifel und ein Ringen um den rechten Glauben begleiteten ihn ein Leben lang, doch er ließ den Glauben niemals fahren, sondern hing mit großem Ernst daran. Sein Vater war Katholik, fügte sich aber in den Wunsch der Mutter, die Kinder evangelisch zu konfirmieren. Als Kügelgens Bruder ebenfalls bei Roller in Unterricht geht, wohnt der Vater sogar der Konfirmation bei. Dies nur wenige Tage vor seinem unerwarteten, gewaltsamen Tod. Ein Schlag, der Kügelgens Leben einen schweren Unterton verlieh und dazu führte, dass er seine Jugenderinnerungen mit dem Mord am Vater enden lies und sich außer Stande sah, seine Biografie je fortzuschreiben. Ein großer Trost war hingegen, dass der Vater so glücklich war mit dem, was er in Lausa erleben durfte: „Als wir durch die nächtliche Heide nach Hause fuhren, gaben die Gespräche meines Vaters noch auf dem ganzen Wege Zeugnis von den beseligenden Eindrücken, die er empfangen. Er dankte Gott von Herzen, sagte er, daß er ihn einen Tag habe sehen lassen wie diesen, nun sei er unsertwegen ganz beruhigt, denn eine Kirche, die noch solche Zeugen, solch ein Bekenntnis und solche Gottesdienste habe, sei nicht vom Heiligen Geist verlassen“ (S. 662).  

Das Buch ist ein reiches, buntes Kaleidoskop, voller Leben, Humor, Schönheit und Dramatik. Es handelt von Kunst und Kultur, Natur und Landleben, Krieg und Not, Pädagogik, Freundschaft, der ersten Liebe, Abschied und plötzlichemTod. Ich war traurig, als es ausgelesen war, gerade so als müsse man einen engen Freund verabschieden. Das dramatische Ende tut dazu ein Übriges. Der letzte Satz lautet: „Und hiermit mag ein Schleier auf mein weiteres Ergehen fallen“ (S. 666). Wilhelm von Kügelgen war zum Zeitpunkt des Mordes an seinem Vater 18 Jahre alt.

 

Über den Autor: Kügelgen – ein Dresdner Bub?

Wilhelm Georg Alexander von Kügelgen wurde am 20. November 1802 in Sankt Petersburg als Sohn von Gerhard von Kügelgen und Helene Marie Zoege von Manteuffel geboren. Die Familie stammte väterlicherseits aus dem Rheinland, mütterlicherseits war sie im deutschen Baltikumverwurzelt. Sein Vater war ein stark nachgefragterPorträtmaler von Rang; auch seine Historienmalerei fand Beachtung. Gerhard von Kügelgen war Mitglied der Kaiserlich Russischen Akademie der Künste in St. Petersburg. Nach Übersiedlung der Familie nach Sachsen wurde Kügelgen Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Schließlich wurde er zum Professor an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Dresden berufen. Ungeachtet des beruflichen Erfolges in Dresden und der weitreichenden Vernetzung Kügelgens in der Welt der Kunst und Kultur, blieb der Wunsch zur Rückkehr nach Reval (heute Tallin) lange präsent. Dort verbrachte Gerhard von Kügelgen seine glücklichsten und produktivsten Jahre. In Reval lernte er seine Frau kennen und heiratete. Er fertigte hier in nur zwei Jahren unter anderem über 50 Porträts in Öl an und kam zu Vermögen. Das Paar hatte sich im Kreise desdeutschbaltischen Kulturbürgertums Livlands etabliert und sehr wohl gefühlt. Die baltische Landschaft wurde ihnen in der Retrospektive zur Seelenheimat und Reval zum Sehnsuchtsort. Die immer wieder sehr konkret werdenden Auswanderungs-vorbereitungen, bis hin zur aufwendigen Verbesserung und Vergrößerung seiner luxuriösen, gelben Fernreisekutsche, waren ein bestimmender Grundton des Familienlebens in Dresden. Die Pläne konnten jedoch aufgrund der napoleonischen Kriege vom Vater nie umgesetzt werden. So wurde der in Russland geborene Gerhard, der Livland (damals Teil des Russischen Kaiserreiches, heute Estland/Lettland) nur als Durchreisestation von Sankt Petersburg nach Dresden kennengelernt hatte, schließlich zum Dresdner Jungen. Als Zeitzeuge und Chronist des frühromantischen Kulturlebens Dresdens, wird er heute zuallererst als Dresdner Persönlichkeit wahrgenommen, was ihm jedoch nicht ganz gerecht wird.

Kügelgen, noch unter dem massiven Eindruck des Todes seines Vaters - heute würde man sagen mindestens mittelschwer depressiv - zog mit seiner Mutter und denGeschwistern 1822 schließlich tatsächlich zu den baltischen Verwandten der Mutter nach Livland. Hier fand Wilhelm sein inneres Gleichgewicht wieder. Mit neuem Mut ging er auf Reisen. In Rom fand er seinen geliebten alten Lehrer Senff, in dessen gastfreiem Haus er Quartier bezog. Er befreundete sich mit dem Malerkollegen Ludwig Richter und lernte allerlei interessante Zeitgenossen kennen. Allerdings vertrug er das Klima der Stadt am Tiber nicht, erkrankte mehrfach an Malaria und beschäftigte sich in dieser Zeit viel mit Glaubensfragen und -zweifeln. Im Juni 1827 heiratete er schließlich seine Julie, um deren Hand er bereits 1824 – zunächst vergeblich – angehalten hatte. Sie wurde ihm zur Freude und Stütze seines Lebens; mit ihr wird er 6 Kinder haben. Wilhelm von Kügelgen war 40 Jahre mit Julie Krummacher verheiratet, bis zu seinem Tod am 25. Mai 1867in Ballenstedt.

Kügelgen verlebte einige seiner glücklichsten, aber tatsächlich nur den geringeren Teil seiner Lebensjahre in Dresden. Die Dresdner Jahre waren nicht nur beschaulich und behütet, seine Kindheit fiel „in eine der mörderischsten Geschichtsperioden“, so Kügelgen im ersten Teil seiner Erinnerungen.

Nach Bremen, wo die Verlobungszeit verbracht wurde, Estland, wo das junge Paar zunächst seinen Lebensmittelpunkt hin verlegte, Sankt Petersburg, wo er versuchte in die Fußstapfen des Vaters zu treten und als Porträtmaler Fuß zu fassen, dann wieder Dresden und Hermsdorf, wurde ihm schließlich ab dem Jahr 1833 Ballenstedt im Harz zur Heimat. Dort verbrachte er seine ganze zweite Lebenshälfte. Über 30 Jahre lang fand er ein bescheidenes Auskommen als Hofmaler am herzoglichen Hof von Anhalt-Bernburg, sowie später noch als Kammerherr beim geisteskranken Herzog. Heute würde man persönlicher Assistent oder Betreuer dazu sagen.

Wilhelm von Kügelgen konnte als Maler nie an den Erfolg seines Vaters anknüpfen. Sein großer literarischer Erfolg beruhte allein auf den posthum 1870 veröffentlichten „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ und kam immerhin noch seiner Familie zugute. Seine Frau Julie überlebte Wilhelm von Kügelgen um 41 Jahre und wurde 104 Jahre alt.

 

 

Erhältlich bei

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Theres Leistner

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