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Poesie ("Poetry") - mit Gedichten in den Frühling

Aktualisiert: 25. Apr. 2023




«…Ich hoffe, dass meine Leser ihre Kinder in der Kunst des Vortragens ausbilden werden. In Zukunft wird von jedem gebildeten Mann und jeder gebildeten Frau mehr und mehr verlangt werden, dass sie erfolgreich in der Öffentlichkeit sprechen können. Vortragen hilft den Kindern, dies zu lernen… Vortragen und Auswendiglernen sind nicht unbedingt dasselbe. Es ist aber gut, im Gedächtnis eines Kindes eine gute Portion Poesie zu speichern, die ohne viel Mühe gelernt wurde.»

(Charlotte Mason in "Home Education", Band I, Kap. 5, 1906)



Wahrscheinlich kann sich jeder an ein paar Gedichtzeilen aus der eigenen Schulzeit erinnern. Diese Verse aufzufrischen, oder gar neue zu entdecken, bereitet Freude.

Pflegen wir doch diese alte Tradition wieder und begrüssen nach dem langen Winter mit den Kindern den Frühling mit fröhlichen Gedichten. Vielleicht können die Kinder sogar jemanden mit einem auswendig gelernten Gedicht überraschen?

Wir lesen das ausgewählte Gedicht jeden Tag vor und lassen es kurz aufleben, bis es in den Gedanken hängt und zu leben beginnt. Nach Charlotte Masons Pädagogik sollten die Kinder vom Einpauken eines Gedichtes verschont werden. Der Gewinn einer solchen Lernmethode ist, dass dem Kind die Freude am Gedicht nicht durch mühsame Verswiederholungen genommen wird und dass die Gewohnheit, geistige Bilder zu machen, unbewusst geformt wird.

Dass Gedichte die Gedächtniskraft beanspruchen und stärken, versteht sich von selbst.


Einige Frühlingsgedichte:



Er ist's

Frühling lässt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte; Süsse, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. Veilchen träumen schon, Wollen balde kommen. – Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja du bist's! Dich hab ich vernommen!

(Eduard Mörike, 1804 – 1875)



Singprob

D Amsle ufem düre Ascht

het kei Rue me und kei Rascht.

Eismols ischs ere ums Singe:

„Chanis ächt no fürebringe?“


Lislig, lislig foht si a,

zerscht en Ton, es Schlänggerli dra,

zletschte gits en ganze Satz,

und iez blibt si nümm am Platz.

Flügt mit irem neue Gsang

zoberscht ufene Wättertann,

rüefts im Himmel un de Bärge:

„Losed, es wott Früelig wärde!“


(Sophie Haemmerli-Marti, 1848-1942)



Frühlingslied

Die Luft ist blau, das Tal ist grün, die kleinen Maienglocken blühn und Schlüsselblumen drunter; der Wiesengrund ist schon so bunt und malt sich täglich bunter. Drum komme, wem der Mai gefällt, und freue sich der schönen Welt und Gottes Vatergüte, die diese Pracht hervorgebracht,

den Baum und seine Blüte.


(Ludwig Hölty 1748 – 1776)



Frühlingsglaube Die linden Lüfte sind erwacht, Sie säuseln und weben Tag und Nacht, Sie schaffen an allen Enden O frischer Duft, o neuer Klang! Nun, armes Herz sei nicht Bang! Nun muss sich alles, alles wenden. Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiss nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Tal: Nun, armes Herz vergiss der Qual! Nun muss sich alles, alles wenden! (Ludwig Uhland, 1787-1862)



Der Frühling ist da (Lied)

Der Frühling hat sich eingestellt, Wohlan, wer will ihn sehn? Der muss mit mir ins freie Feld, Ins grüne Feld nun gehn.

Er hielt im Walde sich versteckt, Dass niemand ihn mehr sah; Ein Vöglein hat ihn aufgeweckt, Jetzt ist er wieder da.

Jetzt ist der Frühling wieder da: Ihm folgt, wohin er zieht, Nur lauter Freude fern und nah, Und lauter Spiel und Lied.

Und allen hat er, gross und klein, Was Schönes mitgebracht, Und sollt´s auch nur ein Sträusschen sein, Er hat an uns gedacht.

Drum frisch hinaus ins freie Feld, Ins grüne Feld hinaus! Der Frühling hat sich eingestellt, Wer bliebe da zu Haus?

(August Heinrich von Hoffmann, 1798 – 1874, Volkslied)



Frühling

Nun ist er endlich kommen doch In grünem Knospenschuh; »Er kam, er kam ja immer noch«, Die Bäume nicken sich's zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum, Nun treiben sie Schuss auf Schuss; Im Garten der alte Apfelbaum, Er sträubt sich, aber er muss.

Wohl zögert auch das alte Herz Und atmet noch nicht frei, Es bangt und sorgt: »Es ist erst März, Und März ist noch nicht Mai.«

O schüttle ab den schweren Traum Und die lange Winterruh: Es wagt es der alte Apfelbaum, Herze, wag's auch du.

(Theodor Fontane, 1819 - 1898)



Frühlingsgruss (Lied)

Leise zieht durch mein Gemüt

Liebliches Geläute.

Klinge, kleines Frühlingslied,

Kling hinaus ins Weite.


Kling hinaus, bis an das Haus,

Wo die Blumen spriessen.

Wenn du eine Rose schaust,

Sag ich lass sie grüssen.


(Heinrich Heine, 1797-1856)



Täglich zu singen

Ich danke Gott, und freue mich Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe, Dass ich bin, bin! Und dass ich dich, Schön menschlich Antlitz! habe; Dass ich die Sonne, Berg und Meer, Und Laub und Gras kann sehen, Und abends unterm Sternenheer Und lieben Monde gehen, Und dass mir denn zumute ist, Als wenn wir Kinder kamen, Und sahen, was der heil'ge Christ Bescheret hatte, Amen! Ich danke Gott mit Saitenspiel, Dass ich kein König worden; Ich wär geschmeichelt worden viel, Und wär vielleicht verdorben. Auch bet ich ihn von Herzen an, Dass ich auf dieser Erde Nicht bin ein grosser reicher Mann, Und auch wohl keiner werde. Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht, Hat mancherlei Gefahren, Und vielen hat's das Herz verdreht, Die weiland wacker waren. Und all das Geld und all das Gut Gewährt zwar viele Sachen; Gesundheit, Schlaf und guten Mut Kann's aber doch nicht machen. Und die sind doch, bei Ja und Nein! Ein rechter Lohn und Segen! Drum will ich mich nicht gross kastei'n Des vielen Geldes wegen. Gott gebe mir nur jeden Tag, Soviel ich darf zum Leben. Er gibt's dem Sperling auf dem Dach; Wie sollt er’s mir nicht geben!


(Matthias Claudius 1740-1815)

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