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Education is a life and a Science of Relations

Wir lernen durch ideen und in Beziehungen

Übersetzung des Originaltexts von Charlotte Mason in Home Education, A Philosophy of Education

(© 2011/2026 Fachstelle für Charlotte Mason Pädagogik, Übersetzung durch Christina Marti-Leistner)

Bleibt uns noch das dritte und letzte Erziehungsmittel: „Education is a Life“. Leben kann nicht nach eigenen Regeln existieren, sondern braucht regelmässige, geplante, und ausgeglichene Ernährung. Soweit diese Erkenntnis den menschlichen Körper betrifft, ist sie allgemein anerkannt. Doch dass Geist und Seele ebenso regelmässige Ernährung brauchen, ansonsten sie nämlich verkümmern, wird möglicherweise die grösste Offenbarung des 20. Jahrhunderts werden. Wir wissen, dass Nahrung für den Körper, wie Benzin für den Motor, die einzige Energiequelle ist. Bildung und Erziehung erscheinen uns in neuem Licht, sobald wir dieses Prinzip auch auf die Seele und den Verstand übertragen. Tabletten und minderwertiges Essen laugen den Körper aus. Wirft man einen Blick auf die Tribünen eines Fussballstadions, fragt man sich, von welcher Geistesnahrung sich diese Jungen und Männer ernähren, und ob sie, trotz stattlicher und kräftiger Körper, nicht an Mangelernährung und innerlicher Leere leiden. Der Geist kann nur eine Art von Essen verdauen und aufnehmen: er lebt, wächst und wird nur von Ideen satt. Nackte Information ist für den Geist ebenso ungeeignet wie Sägemehl für den Körper wäre. Weder für das erstere noch für das letztere gibt es Verdauungs- und Verarbeitungsorgane.

 

Es drängt sich die Frage auf, was eine Idee ist. Auf der Suche nach einer Antwort scheint man den Boden unter den Füssen zu verlieren. Unsere grössten Denker Plato bis Bacon und Bacon bis Coleridge geben die Antwort: ein lebendiges Etwas des Geistes. Wir alle kennen, wie uns eine Idee „packt“, sie unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, wie sie beeindruckt und uns zu guter Letzt nicht mehr loslässt - kurzum, Ideen verhalten sich fast wie etwas Lebendiges.

 

Erhalten wir Einblick in die Lebensgewohnheiten, geistige Beschäftigung, Passion oder das Streben einer Person, wird sie oft sagen, dass sie diese oder jene Idee berührt hätte.

 

Die Durchschlagskraft von Ideen stösst auf breite Annahme. Kein Ausdruck ist häufiger und vielversprechender als: „Ich habe eine Idee…“. Nach einem solchen Satzanfang greifen wir mit der gleichen Spannung, wie eine Forelle nach einer wohlgenährten Fliege springt. Überraschenderweise ist man nur in einem Lebensbereich nicht zum Wort „Idee“ hingezogen: in Bildung und Erziehung! Schauen Sie eine x-beliebige Lehrmittelliste eines Verlegers durch und es wird Ihnen auffallen, dass die empfohlenen Bücher sorgfältig „ausgetrocknet“, von der leisesten Vorahnung einer Idee befreit und auf die trockensten Fakten reduziert sind. Unter Umständen haben die „Public Schools“ (1) gegenüber dem Rest von uns einen kleinen Vorteil. Obschon sie eine magere, für den Durchschnittsjungen wohl eher dürftige Kost anbieten, ist sie nicht gänzliche ohne Ideen. Wenn auch nur sehr spärlich, werden die Kinder immerhin mit einigen der besten Gedanken der besten Denker genährt.

 

Mehr als andere Denker hat Coleridge (2) dazu beigetragen, dass das Konzept einer Idee in das heutige wissenschaftliche Denken einging. Damit meinte er nicht ihre akademisch psychologische, sondern philosophische Dimension. Coleridge wollte die Reaktion des Geistes auf eine ihm angebotene Idee zeigen. Coleridge beschreibt in seinem Buch Method die Entstehung und Weiterentwicklung einer solchen Idee folgendermassen:

„Wir wissen von keinem Ereignis aus der Geschichte der Menschheit, das die Fantasie mehr beflügelte als der Moment, wo Kolumbus mitten auf einem unbekannten Ozean als erster eine verblüffende Tatsache sah - das Drehen der Kompassnadel. Wie oft wird Geschichte geschrieben, wenn sich unerwartet Ideen der Natur von einer höheren Macht auserwählten Köpfen offenbaren. Diese Erkenntnisse scheinen dazu bestimmt zu sein, der Menschheit die wichtigsten Umwälzungen und Fortschritte zu bringen. Kolumbus‘ klarer Verstand war überaus methodisch und hielt ihm die grosse Leitidee deutlich vor Augen, welche ihn zum Entdecker von Königreichen machte."

 

Diese Schilderung zeigt den Zusammenhang zwischen dem Ursprung einer Idee und grossen Entdeckungen und Erfindungen, welche Auserwählten durch eine höhere Macht als die Natur selbst eingegeben wurden. Dies trifft nicht nur auf die grossen Ideen die unser Leben bestimmen, sondern auch auf die Herkunft von den praktischen, kleineren Ideen zu, wie sie der Prophet Jesaja beschreibt:

 

„Pflügt oder gräbt oder bricht denn ein Ackermann seinen Acker zur Saat immerfort um? Ist’s nicht so: Wenn er ihn geebnet hat, dann streut er Dill und wirft Kümmel und sät Weizen und Gerste, ein jedes, wohin er’s haben will, und Spelt an den Rand? So unterwies ihn sein Gott und lehrte ihn, wie es recht ist. […] Zermalmt man etwa das Getreide? Nein, man drischt es nicht ganz und gar, wenn man’s mit Dreschwalzen und ihrem Gespann ausdrischt. Auch das kommt vom HERRN Zebaoth; sein Rat ist wunderbar, und er führt es herrlich hinaus.“ (3)

 

Hören wir Coleridge nun über die andere Art von Ideen, die eher in unsere Lebensatmosphäre einsickern, als plötzlich unerwartet wie ein Blitz einzuschlagen:

„Die Idee kann entweder in einer klaren, konkreten Form existieren, etwa so wie ein Kreis in der Vorstellung eines Mathematikers, oder aber eine Ahnung, ein unbestimmtes Verlangen nach etwas sein …. wie eine innere Regung, die die Augen eines jungen Dichters mit Tränen füllt.“

 

Diese letzteren, ungreifbaren Ideen, welche in einem „Verlangen“ nach etwas zum Ausdruck kommen und ein Kind zu aufrichtigen, liebenswürdigen und bewundernswerten Sachen bewegen sollten, dürfen nicht mit bestimmter Absicht und zu festgesetzter Zeit offeriert werden. Stattdessen sollen sie das Kind in Form einer von Gedanken geprägten Atmosphäre, die es als Lebenshauch einatmet, umgeben.

 

Es ist eine beunruhigende Vorstellung, dass unser unachtsames Verhalten und unsere Worte Kindern eine Inspirationsquelle werden. Wird man sich dieser Tatsache schmerzlich bewusst, lässt man in Zukunft grössere Vorsicht walten, um schmutzige, wertlose Gedanken und Beweggründe im Umgang mit ihnen zu vermeiden.

 

Coleridge beschreibt die anderen, greifbareren Ideen, welche nicht wie Luft eingeatmet, sondern dem Geist wie ein Stück Fleisch aufgetischt werden, im Folgenden detaillierter:

 

„Aus der ersten, ursprünglichen Idee keimen, wie aus einem Samen, weitere Ideen.“ „Bilder und Ereignisse sind die lebendige und geistanregende, treibende Kraft der Aussenwelt. Sie sind dem Geist wie Licht, Luft und Feuchtigkeit dem Samen, ohne welche er ansonsten verrotten und verderben würde.“ „Die Pfade, entlang denen wir eine Richtung verfolgen dürfen, können noch so verschieden sein. Sie haben jedoch alle gemeinsam, dass an der Abzweigung zu jedem seine ganz eigene Leitidee steht. Diese Ideen sind von ganz unterschiedlicher Wichtigkeit, wie auch die Pfade, auf die sie hinweisen, verschieden sind. In neuerer Zeit litt die Welt unter einer Umkehrung der notwendigen und natürlichen Anordnung der Wissenschaft. Nämlich indem man behauptet, dass Vernunft und Glauben diesen begrenzten, physischen Erfahrungen im Wege stehen. Vernunft und Glaube sind nicht physischer Art und darum nicht wissenschaftlichen Methoden untergeordnet. Fortschritt schreitet auf dem Pfad der Idee voran, aus dem er stammt. Es braucht beständige Aufmerksamkeit des Geistes, dass der Fortschritt nicht vom rechten Weg abkommt. Darum also sind Gedankenbahnen so verschieden, wie die sie hervorbringenden Ideen verschieden sind." (4)

Neue Entdeckungen in der Biologie über die Funktionsweise des Gehirns bringen uns wieder zur Platonischen Lehre zurück, wonach eine Idee eine erkennbare, selbstbestätigende, mit der Ewigen Essenz vereinigte Kraft ist.

Da Coleridges Lehre mit der allgemeinen Erfahrung übereinstimmt und unsere bisherigen Erziehungspraktiken grundlegend revidieren soll, habe ich mir erlaubt, diesen kurzen Einblick in seine Lehre aus einem früheren Band zu wiederholen. Das ganze Thema ist tiefgreifend wie praktisch. Wir müssen uns die Theorie in unseren Köpfen, wonach Bildung und Erziehung zum grössten Teil Geistesgymnastik ist, abgewöhnen. Es ist kein ständiges Abbauen ohne ein Dazugeben. Die aktuelle Betonung auf Selbstausdruck und Selbstentfaltung gab dieser Theorie neuen Wind in die Segel. Wir wissen, wie wenig wir wissen, wenn nicht zuerst etwas in uns hineingelegt wurde. An einer uns weitergegebenen Idee können wir höchstens eine eigene, kleine Veränderung vornehmen oder eine neue Anwendung dafür finden. Demütig erkennen wir, dass wir nichts als Fackelträger sind und unser Licht den nächsten weitergeben, genauso, wie auch wir es von unseren Vorgängern erhalten haben. Im Widerspruch dazu ermuntern wir Kinder, sich über einen Teich, ein normannisches Schloss, den Mann auf dem Mond „auszudrücken“. Wir sehen nicht ein, dass die originellen Sachen, die Kinder über ihnen unvertraute Themen sagen, nicht eine Form von Selbstausdruck sind. Sie weben einen Flickenteppich aus hier und da aufgelesenen Meinungen. Es ist fraglich, ob solche Originalkompositionen von Kindern verlangt werden sollen. Denn ihr Gewissen ist wach - ihrer Ausleihen sind sie sich durchaus bewusst. Besser sollten sie erst über ein Thema lesen, ehe sie darüber schreiben, dann aber so viel Spielraum haben, wie sie wollen.

Am Anfang der Kindheit sieht man keine nennenswerten Unterschiede, ob wir mit einer Vorstellung ein Gefäss aufzufüllen, eine Tafel zu beschreiben, einen Tonklumpen zu formen oder das Leben zu nähren erziehen. Mit dem Wachstum eines Kindes jedoch stellen wir fest, dass nur die lebensnährenden Ideen in ihm zum Ausdruck kommen. Der ganze Rest wird entweder verworfen oder zu behinderndem, verletzendem Sägemehl in seinem System.

Education is a Life. Dieses Leben wird in Abhängigkeit von Ideen erhalten. Ideen kommen aus geistlicher Quelle. Gott schuf uns so, dass wir sie hauptsächlich erhalten, indem wir sie einander mitteilen, ob jetzt von Mund zu Mund, in Schriftform, in Form eines Bibeltextes oder einer Sinfonie. Unsere Aufgabe ist es, das Innenleben eines Kindes mit Ideen zu stärken, wie wir auch seinen Körper mit Essen nähren. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird es neunzig Prozent der von uns angebotenen Ideen ablehnen. Ebenso kann der Körper nur eine kleine Portion des ihm zugeführten Essens wirklich brauchen. Das Kind kann dieses oder jenes wählen. Unsere Aufgabe ist es, dem Kind eine Fülle und Vielfalt zur Auswahl zu geben. Es muss davon nehmen, was es braucht. Druck unsererseits verstimmt es. Ein Kind widersetzt sich Zwangsernährung und hat vorverdauter Nahrung gegenüber eine Abneigung. Am empfänglichsten ist es für indirekte Geistesnahrung aus der Literatur. Auf diese Art und Weise lehrte auch Jesus durch jene wunderbaren Gleichnisse, deren Besonderheit es ist, dass sie nicht vergessen werden können. Man kann sich an jedes Detail der Geschichte erinnern und doch mag ihre Umsetzung in manchen spurenlos bleiben. Wir müssen dieses Risiko auch eingehen. Wir können den Kindern auch Plutarchs Lysander anbieten, als Anschauungsunterricht wie wir denken, um zu zeigen, was ein Staatsmann oder ein Bürger meiden soll. Wer weiss, vielleicht hält das Kind Lysanders Gepflogenheiten für vorbildlich! Wir gehen dieses Risiko ein, wie Jesus damals mit dem rätselhaften Gleichnis des ungerechten Dieners.

Ein weiterer Hinweis: offenbar ist es nötig, Ideen anzubieten, welche in mit literarischer Kraft geschriebenen Romanen, Gedichten oder Geschichtsbüchern verpackt sind. Der Geist und der Körper können nicht von noch so wissenschaftlich hergestellten, etwas bezweckenden Tabletten zehren und leben. Möglicherweise kann das Kind aus einem dicken Buch nicht mehr als ein halbes Dutzend Ideen  gewinnen, die dann in seinem Geist Fuss fassen. Es findet aber Ideen an unerwarteten Orten und in kaum zu erwartenden Formen. Kein Erwachsener ist dazu fähig, Schlüsse, die es nähren sollen, aus Scott, Dickens oder Milton zu erzwingen. Darum, „säe am Morgen deinen Samen, und lass deine Hand bis zum Abend nicht ruhen, denn du weisst nicht, was geraten wird, ob dies oder das.“ (5)

Eine unserer überheblichen Sünden ist in diesem Zusammenhang die Tendenz, Kindern (und älteren Personen) Meinungen anstatt Ideen zu vermitteln. Wir glauben fälschlicherweise, Meinungen seien Ausdruck von Denken und verkörperten also eine Idee. Wenn dem ursprünglich auch mal so war, zerstörte genau diese Kristallisation zu einer Meinung hin ihre ganze anfängliche Vitalität. Ohne Ruskin zu nahe treten zu wollen, ein Kristall ist kein lebendiger Körper und ernährt keinen Menschen. Wir versuchen Kindern Kirchendogmen, Lehrsätze von Euklid und blosse Abrisse von Geschichte einzutrichtern, und wundern uns im selben Atemzug darüber, dass ihre Erziehung keine Wirkung zeigt. Hören wir Alfred Fouillée (6) über dieses Thema. Er ist ein Verfechter von Ideen in der Philosophie und in Bildung und Erziehung. Allerdings kommt er kaum auf die Herausbildung von Gewohnheiten physischer, intellektueller und moralischer Art zu sprechen:

„Wissenschaftliche Wahrheiten, so sagte Descartes, sind Triumphe. Beschreibe jungen Leuten den Leitgedanken und die heroischste Tat der wissenschaftlichen Triumphe, und du entwickelst in Ihnen zusammen mit ihrem Enthusiasmus auf der Suche nach Wahrheit einen wissenschaftlichen Geist. [… ]Wie interessant wären Arithmetik und Geometrie, würden wir kurz den Hintergrund, die Geschichte deren Hauptprinzipien erzählen. Das Kind würde so aufgefordert, von Angesicht zu Angesicht mit einem Pythagoras, Plato, Euklid oder, in moderner Zeit, mit Descartes, Pascal und Leibnitz hart zu arbeiten. Grosse Theorien wären anstatt leblose, anonyme Abstraktionen lebendige, menschliche Wahrheiten, eine jede mit einer eigenen Geschichte wie eine Statue von Michelangelo oder eine Gemälde von Raphael.“

 

Oben gedruckter Auszug zeigt die Umsetzung von Coleridges Leitidee, die hinter jedem Gedankengang steht. Eine Idee soll nicht nackte Generalisierung sein, die weder Kinder noch erwachsene Personen nähren kann. Eine Idee soll in ein Gewand aus Fakten, Geschichte und Erzählungen gekleidet sein, damit der Geist aus dieser grossen Menge an Details auswählen kann. Dickens lässt David Copperfield nicht mit trockener Abstraktion sagen: „Ich war ein sehr aufmerksames Kind“ und „alle Kinder sind sehr aufmerksam“, sondern lässt dies den Leser aus einer Reihe von bezaubernd natürlichen Begebenheiten selbst erfahren. Viele Wege führen nach Rom. Alles, was ich bisher gesagt habe, soll die Tatsache bekräftigen, dass viel und abwechslungsreiches Lesen sowie menschliche Gedanken in Form von Kunst nicht Luxus oder Leckerbissen sind, die man Kinder nur ab und zu anbietet. Es ist ihr Lebensbrot, das sie in üppigen Portionen zu regelmässiger Zeit erhalten müssen. Dies und mehr verbirgt sich hinter dem Satz: „Der Geist ernährt sich von Ideen und darum sollten Kinder einen breiten Lehrplan haben.“

(1) Elite-Privatschulen nur für Knaben

(2) Samuel Taylor Coleridge (1772 – 1834): einer der einflussreichsten englischen Literaturkritiker und Philosophen der literarischen Romantik. Vgl. http://www.lyrik.ch/lyrik/spur3/coleridg/colerid1.htm

(3) Die Lutherbibel, Jesaja 28, 24-29

(4) S.T. Coleridge. Method.

(5) Die Lutherbibel, Prediger 11,26

(6) Alfred Fouillée. Bildung und Erziehung aus einem nationalen Blickwinkel (1892)

Theres Leistner

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