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Education is a Discipline

EDUCATION IS A Discipline (Vertiefung)

Übersetzung des Originaltexts von Charlotte Mason in Home Education, A Philosophy of Education

(© 2011/2026 Fachstelle für Charlotte Mason Pädagogik, Übersetzung durch Christina Marti-Leistner)

Der Satz "Education is a discipline" zielt auf die Disziplin bei der zielgerichteten und bedachtsamen Gewohnheitsbildung von Geist, Seele und Körper hin. Physiologen berichten, wie sich Hirngewebe gewohnten Denkarten, sprich Gewohnheiten, anpasst.

Demgemäss ist Bildung und Erziehung weder für die Lehrperson noch für das Kind eine unbeschwerte Angelegenheit. Wir als Unterrichtende und sie als Lernende sind beide gleichermassen eingeschränkt; man muss sich immer wieder um neue Richtungen bemühen. Mit diesem Hintergrund gehen wir unsere Aufgabe aus einem neuen Blickwinkel an. Um Kinder zum Lernen zu bringen, müssen wir uns nicht abmühen. Dieser Sache nimmt sich, wenn wir dies auch nur glaubten, die Natur an. Der Unterricht braucht bloss von der richtigen Art zu sein und Kinder werden mit Freude lernen. Anstrengungen werden unumgänglich, sobald Gewohnheiten eingeübt werden müssen. Einmal mehr werden wir aber auch hier erleichtert. Wenn der entsprechende Lehrplan richtig eingehalten wird, bilden sich die geistigen, intellektuellen Gewohnheiten für ein erfülltes Leben von selbst aus. Wie bereits betont, ist der einzige richtige Weg derjenige, dass die Kinder zu ihrem eigenen Wohl die Arbeit selbst verrichten. Sie müssen z.B. die angegebenen Seiten lesen und erzählen, was sie eben gelesen haben. Sie müssen also das Wissen verarbeiten und verinnerlichen. Leider wissen wir aus eigener Erfahrung nur allzu gut, welch ungeheure Menge an Gedrucktem achtlos im Abfalleimer unseres Gedächtnisses entsorgt wurde. Und zwar nur deswegen, weil es uns nicht gelungen ist, die im Grunde genommen einfache, richtige Art der Wissensaneignung anzuwenden. Dabei ist sie für das Kind so spontan und natürlich wie das Atmen. Kaum zu glauben, dass dieser Prozess sogar für uns relativ einfach wäre. Dabei erwischen wir zwei Fliegen auf einen Schlag: zum einen ist keine geistige Gewohnheit ebenso wertvoll wie Aufmerksamkeit, und zum andern ist sie das Gütesiegel einer gebildeten Person schlechthin. Mit Übung geht diese Gewohnheit in Fleisch und Blut über. Es ist nicht zu gewagt, zu behaupten, eine gute Gewohnheit sei stärker als zehn schlechte Neigungen. Aufmerksamkeit erleichtert die Zusammenarbeit ungemein. Aufmerksamkeit ist aber nicht die einzige Gewohnheit die „Selbsterziehung“ (1) entspringt. Anpassungsfähigkeit, geistige Anwesenheit, Gehorsamkeit, Wohlwollen und Objektivität sind spontane Nebenprodukte dieser Bildung und Erziehung. Dazu kommt wohlwollend-kritisches Denken.

 

Physische Gewohnheiten wie Sorgfältigkeit und Ordnung basieren währenddessen auf Selbstachtung, die ihrerseits wiederum aus einer Bildung und Erziehung resultiert, welche der Persönlichkeit und dem Wesen des Kindes Respekt zollt.

 

Physiologen berichten, dass zur Gewohnheit gewordene Gedanken im Hirngewebe Spuren hinterlassen. Es ist noch nicht restlos klar, ob diese kaum wahrnehmbaren Auswirkungen auf das Gehirn überhaupt als Spuren bezeichnet werden können. (2) Wir vermögen nicht genau zu sagen, ob das Gehirn auf diese oder jene Weise den Geist bei seiner Arbeit unterstützt. Durch Erfahrung wissen wir aber mit Sicherheit, dass Bildung und Erziehung das Fundament für Denkweisen legen, die zu gutem und sinnvollem Leben, klarem Denken und Freude an den schönen Künsten führen sollen, und insbesondere im Glaubensleben ihre Wirkung entfalten. Es bleibt ein Geheimnis, wie sich der Geist auf die Materie auswirkt, dass dies aber dennoch geschieht, wird uns mit jedem Stirnrunzeln aufs Neue, oder andererseits mit einem Lächeln bewusst:

„Eine süsse, liebenswerte Ausstrahlung,

Ein Ausdruck voller Zuversicht;

Ein Abbild der Aufmunterung,

Gesichter der Evangelien."

Wir wissen aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie sich Lachen positiv auf uns und unsere schlechten Launen auswirken kann.

„Gemüt hilft dem Fleisch jetzt weniger, als das Fleisch dem Gemüt.“ (3)

 

Beide - Gemüt und Fleisch - helfen uns Schienen zu verlegen, die uns zu einem erfüllten Leben leiten.

 

Zweifellos wurden wir in der Vergangenheit Zeugen eines Zeitalters der Kindersklaverei und eines Zeitalters der erzwungenen, guten Gewohnheiten. Sie wurden den Kindern eingehämmert durch harte, penibel ausgeübte Strafen, sowohl von übertrieben gewissenhaften Eltern des 18. Jahrhunderts, als auch durch die berühmt-berüchtigten Schulmeister, allesamt nur um ihr eigenes Ansehen und Vorteil bemüht (vgl. „Creakles“ und „Squeers“) (4). Jetzt schwingt das Pendel genau in die andere Richtung. Wir haben die Tatsache aus den Augen verloren, dass Gewohnheiten zum Leben gehören, wie Geleise zur Eisenbahn. Folglich müssen Gewohnheitsgeleise sorgfältig und mit einem Ziel vor Augen verlegt werden, damit Unebenheiten und Verzögerungen im Leben nicht unerträglich werden. Gewohnheiten sind unumgänglich! Gelingt es uns nicht, das Leben durch Verinnerlichung von Gewohnheiten wie rechtschaffenes Denken und Handeln zu vereinfachen, nisten sich stattdessen Gewohnheiten des Falschdenkens und -handelns von selbst ein. Wir scheuen Entscheidungen, die daraus entstehende Unentschlossenheit führt zu Zeitverlust, „und in der Klage über verlorene Tage schwinden Tage dahin.“ Beinahe jedes Kind wird von seinen Eltern zu gewissen Gewohnheiten wie Anstand und Ordnung und Disziplin angehalten, ohne die es sonst ein gesellschaftlicher Aussenseiter wäre. Stellen wir uns vor, wie viel komplizierter unser Leben wäre, wenn Körperpflege, jeder Toilettengang, sämtliche Tischmanieren, jedes Heben der Gabel und Gebrauch des Löffels, jedes Mal erneut überdacht werden müsste und Entscheidungsmühe erforderte! Nein, Gewohnheiten sind wie Feuer ein schlechter Meister, aber ein unersetzbarer Diener. Ein Grund für die Zweifel, das Zögern, und die Unentschlossenheit unserer Zeit ist vielleicht das Versäumen unserer Verantwortlichen, Gewohnheitsschienen zu verlegen, auf denen unser Verhalten dahingleiten könnte, und somit das Leben vereinfachen würde.

 

Es ist nicht einmal nötig, diese erstrebenswerten Gewohnheiten aufzuzählen. Denn jeder kennt sie genauer, als er sie selbst jemals in die Tat umsetzen kann. Das scheinbar mühelose Lastenschleppen eines Soldaten ruft in uns Bewunderung hervor, wir scheuen uns aber vor der erforderlichen Disziplin. Wir bewundern die ältere Dame, die während eines langen Abendessens mit anmutiger Haltung sitzt und trotz ihres Alters eine gerade Stuhllehne wünscht. Über die Jahre hinweg hat sie ihr muskuläres Gleichgewicht mit Disziplin trainiert. Wenn es um die Herausbildung von guten Gewohnheiten geht, führt kein Weg um Disziplin herum. Allerdings müssen wir Disziplin gewissermassen von Innen aufbauen, Selbstdisziplin ist der Schlüssel zu guten Gewohnheiten. Weil jede Gewohnheit aus einem inneren Kampf resultiert, ist eine  gewisse Anstrengung notwendig. Wo schlechte Gewohnheiten eines einfachen, bequemeren Lebens stets angenehmer und überzeugender erscheinen, kann ihnen nur mit viel Mühe widerstanden werden. Wir sind so geschaffen, dass wir sowohl physische (muskuläre) wie auch geistige Gewohnheiten ganz bewusst aufbauen können. Wir kultivieren eine Idee, die ihrerseits eine Handlung hervorruft. Immer wieder repetiert, wird sie zur Gewohnheit. Man sagt ja: „Säe eine Handlung, so erntest du davon eine Gewohnheit. Säe eine Gewohnheit, so erntest du eine Charaktereigenschaft.“ Wir müssen jedoch einen Schritt weiter zurückgehen. Wir müssen zuerst die Idee oder den Gedanken säen, der die Handlung überhaupt erst lohnenswert macht. Hört ein träger Junge die Geschichte vom Grossherzog und seinem schmalen Feldbett, das dieser einem normalen vorzog, da er gezwungenermassen aufstehen musste, sobald er sich nochmals umdrehen wollte, wird ihm die Idee des pünktlichen Aufstehens mit auf den Weg gegeben. Sein Kindermädchen oder seine Mutter wissen jedoch intuitiv, wie oft und mit welcher Raffinesse die Geschichte wiederholt werden muss, bis die Vorstellung vom pünktlichen Aufstehen in ihm geformt ist. Ebenso ist ihnen klar, dass die Motivation zur Selbstüberwindung vom Kind selbst kommen muss, sodass die Angelegenheit zur Ehrensache wird. Es ist nämlich möglich, den Samen für grossartige Ideen dem Kind sachte und beiläufig ins Herz zu pflanzen. Geschieht das Säen nicht auf diese Art, schöpft das Kind bald Verdacht, was die Erwachsenen im Schilde führen und sträubt sich erst recht dagegen. Gibt man dem Kind offen zu verstehen, dass es nicht bloss eine Frage des Gehorsams ist, entspannt es sich ein wenig. Dazu folgendes Szenario: Ein Junge, um Pünktlichkeit bemüht, kommt eines Tages ausnahmsweise zu spät. Die gutmütige Lehrerin stellt den Jungen nicht zur Rede und lässt ihn ohne Konsequenzen davonkommen. Dieser denkt sich dabei: „Es ist egal, ob ich nun pünktlich bin oder nicht.“, und langsam aber stetig nimmt in ihm die Gewohnheit des Zuspätkommens Form an. Irrtümlicherweise nimmt seine Lehrerin an, Pünktlichkeit sei für ihren Schüler anstrengend; also drückt sie ein Auge zu. In Wirklichkeit sollen Gewohnheiten eines geordneten Lebens das Leben vereinfachen und spontaner machen. Die bewusste Überwindung beschränkt sich auf die ersten 10-20 Mal, in denen die Sache so getan wird.

 

Unvorstellbar, wie kompliziert das Leben ohne Gewohnheiten der Hygiene, Ordentlichkeit und der Höflichkeit wäre. Müssten wir über jedes Detail des Anziehens und Essens oder des Kommens und Gehens eine Entscheidung fällen, wäre unser Leben kaum lebenswert. Jedermann, sogar die Geringsten unter uns wissen, dass sie ihrem Kind Anstand beibringen müssen. Einen ganzen Verhaltenskodex halten Kinder schon nur von selbst ein, da den meisten der Mut fehlt, andere Leute durch ihr Verhalten zu schockieren. Physische Gesundheit, Moral (Ethik) und Betragen sind nämlich zu einem grossen Teil eine Frage der Gewohnheiten. Nicht nur diese, sondern auch Glaubensgewohnheiten werden gefestigt, auferbauend und zu einer nötigen Unterstützung im Versuch ein göttliches, rechtes und besonnenes Leben zu führen. Wir brauchen nicht zu befürchten, dass die Beziehung eines Kindes zu Gott mechanisch und steif ist, und es nicht von den wertvollen Ideen berührt wird. Lesen wir in De Quinceys (5) Memoiren wie er seinen Glauben als kleiner Junge erlebte:

 

„Jeden Sonntagmorgen ging ich mit meiner Familie zur Kirche: sie war eine der Kirchen mit alten ehrwürdigen Seitenschiffen, Emporen und einer Orgel, alles ganz nach dem Vorbild des alten Englands. Die Proportionen waren majestätisch. Wann immer wir, während die Gemeinde durch die ganze Litanei kniete, zu einer der wunderschönen Passagen unter vielen kamen, wo Gott für alle `Kranken und Kinder` angefleht wurde und `dass er mit den Häftlingen und Gefangenen barmherzig sein solle`, weinte ich heimlich. Mit Tränen überströmten Augen schaute ich dann jeweils zum Fenster empor und erblickte dort an sonnigen Tagen ein Schauspiel, das noch kein Prophet je gesehen hatte… Dort leuchteten die von der Erde verschmähten Apostel und die Pracht der Erde, dort die Märtyrer, welche den Flammen trotzend die Wahrheit bezeugten… und gleichzeitig sah ich durch die grosse uneingefärbte Glasfläche in der Mitte des Fensters weisse Schäfchenwolken über die azurnen Tiefen des Himmels segeln.“

 

Und dann stellte sich der Junge die kranken Kinder vor, mit denen Gott Mitleid hatte:

 

„Diese Vorstellungen zogen ganz spontan an meinem inneren Auge vorbei, der Auszug aus der Litanei, die Wolkenfetzen und die Geschichten erzählenden Glasmalereien auf den Fenstern genügten völlig… Gott spricht auch in Träumen und durch wunderbare, verborgene Dinge zu Kindern. Und insbesondere dann, wenn sich das Herz in der Stille, durch die Wahrheit und Gottesdienste einer National Church öffnet, begegnet Gott Kindern.“

 

Der Beleg eines solchen Zeugnisses versichert uns zusammen mit unseren eigenen Erinnerungsfetzen, dass Gottesdienste auch für Kinder geeignet sind. Umso mehr, wenn die Gewohnheit, liebevoll geschriebene Bücher zu lesen, ihren Sinn für Stil und unbewusste Wertschätzung für die wunderschönen Passagen der Liturgie schärfen.

Wir haben die Wichtigkeit von Gewohnheiten in Sitten- und Moralfragen, Religion und körperlicher Entwicklung erkannt. Wie wir an Beispielen sahen, ist es verhängnisvoll, wenn ein Kind oder ein Erwachsener beginnt, im immer selben Trott zu denken und dann Angst vor allem Neuen hat.

 

Vielleicht lässt sich diese Gefahr eindämmen, indem wir Kindern eine tägliche Ration weiser Gedanken vieler verschiedener, grosser Denker anbieten. Allmählich und unbewusst schöpfen sie aus derer Ansichten Mut und Beherztheit für ihr eigenes Leben. Vernachlässigen wir diese Pflicht, so lassen sich die jungen Leute, sobald sie in die „Freiheit“ entlassen werden, von der erstbesten Strömung mitreissen und diese für eine Weile ausprobieren, um wenig später wieder von Vorn zu beginnen. Schlussendlich bleiben sie ein Leben lang haltlos und fehlgeleitet.

(1) Selbsterziehung bedeutet, dass niemand anderer als die Person selbst, ihre eigene Arbeit verrichten kann. Dies setzt

Selbstverantwortung und -disziplin voraus.

(2) Bildgebende Verfahren, welche dies Spuren sichtbar machen, gibt es erst seit den letzten 15 Jahren.

(3) Robert Browning. Rabbi Ben Ezra

(4) Brutale, skrupellose Schulmeister aus Charles Dickens‘ (1812-1870) Romanen Nicholas Nickelby und David Copperfield

(5) Thomas De Quincey (1785-1859) gilt als einer der herausragenden Vertreter der englischen Essayistik des 19. Jahrhunderts. http://www.cpw-online.de/lemmata/de_quincey_thomas.htm (28.10.2011)

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Theres Leistner

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