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Education is an atmosphere
EDucation is an atmosphere (VERTIEFUNG)
Übersetzung des Originaltexts von Charlotte Mason in Home Education, A Philosophy of Education
(© 2011/2026 Fachstelle für Charlotte Mason Pädagogik, Übersetzung durch Christina Marti-Leistner)
Da die Achtung vor der Persönlichkeit des Kindes Priorität hat, sehen wir uns bezüglich der Erziehungsmittel auf folgende drei eingeschränkt: die Atmosphäre des Umfelds, die Disziplin der Gewohnheit und das Darreichen von lebendigen Ideen. Unser Leitspruch lautet: „Bildung und Erziehung ist eine Atmosphäre, Disziplin und ein Leben.“ Bildung und Erziehung ist eine Atmosphäre heisst nicht, dass das Kind in einem speziell erstellten und angepassten sogenannten „Kinderumfeld“ isoliert sein soll. Vielmehr sollten wir dem pädagogischen Wert seines natürlichen Umfelds zuhause, dem persönlichen Umgang mit dem Kind, wie auch einer liebevollen Einrichtung, Rechnung tragen. Das Kind sollte frei in einer ihm entsprechenden Umgebung leben. Setzt man seine Welt auf „Kinderniveau“ herab, so tut man ihm unrecht.
Sobald ein willkürlicher Einsatz von Furcht oder Liebe, Anregung oder Beeinflussung, unfairem Spiel mit
den natürlichen Bedürfnissen des Kindes und Wetteifer nicht mehr zur Auswahl stehen, fallen einige
gängige Erziehungshilfen weg. Nicht mehr als drei bleiben uns übrig. Auf den ersten Blick bleibt uns nicht
viel Spielraum, bei genauerer Betrachtung finden wir allerdings mehr Möglichkeiten als zunächst
vermutet.
Beginnen wir mit dem ersten dieser Erziehungsinstrumente, der Atmosphäre: Während einem, vielleicht
auch zwei Jahrzehnten haben wir unser Vertrauen zu einem grossen Teil, sagen wir eher 9/10 als nur 3/10
der ganzen Bildung und Erziehung, in das Umfeld gesteckt.
Die Theorie lautete: „Stecke ein Kind in das richtige Umfeld und dessen Einfluss ist gleichzeitig so
unmerklich wie seine Auswirkungen dauerhaft sind, sodass es dabei gebildet und erzogen wird.“ Den
Schulen sei es freigestellt, Latein, Mathematik und was auch immer ihre Lehrpläne beinhalten,
anzubieten, aber die wirkliche Bildung und Erziehung erhalte das Kind durch den Umgang mit Farben,
harmonischen Klängen, Formschönheit und gutmütigen Personen. Ästhetisch erzogen und gebildet
entwickelt es sich hin zu lieblicher Vernünftigkeit und Einklang mit seiner Umgebung.
„Peters Kinderzimmer glich einem makellosen Traum, perfekt dazu geeignet, dass sich ein kleiner Junge voll entfalten kann. Die Wände, die Peters Vater mit entzückendsten Mustern von trabenden und galoppierenden Pferden, tanzenden Katzen und Hunden, hüpfenden Lämmern, einem Karneval der Tiere, verziert hatte, waren in warmen, cremefarbenen Tönen gestrichen, […] dann gab es diesen grossen Zinnfeuerwehrmann in Peters Kinderzimmer [..] und als Vorsichtsmassnahme für den Tag, an dem Peter herumzurennen beginnen würde, hatten alle Tischchen abgerundete Kanten und Ecken. Mit seinen Spielsachen würde Peter eines Tages auf dem Korkboden spielen und auf dem purpurnen Kaminvorleger herumkrabbeln […] Mit der Waage in seinem Kinderzimmer würde man ihn jede Woche wägen und Tabellen zeigten, wie viel er denn wägen müsste und wann man sich Sorgen machen sollte. Nichts wurde in Peters ersten Lebensjahren dem Zufall überlassen.“ (Charlotte M. Mason. A Philosophy of Education)
Soweit Mr Wells in seiner unvollständigen Abhandlung über Erziehung Joan and Peter. Dennoch ist sie ein
detailgetreues Abbild der Bemühungen um junge Persönlichkeiten von hoher Gesinnung auf der ganzen
Welt. Eltern bringen der Göttin der Erziehung enorme Opfer. Man hört die Geschichte eines Paars, das für
eine Statue zur Ausschmückung des Treppenhauses ein Vermögen ausgibt und damit seine finanziellen
Möglichkeiten bei weitem übersteigt. Bloss, damit „Tommys“ Auge für Schönheit geschärft würde. Solche
Dinge geschehen seit 1880 immer wieder, und wie so oft, übernahm Deutschland darin die Vorreiterrolle.
Vielleicht ist es treffend zu behaupten, dass die heutige junge europäische Intelligenzia nach dieser Art
und Weise aufgezogen wurde.
Ist das Ergebnis dieser Einstellung die abgespannte, herablassende, selbstgefällige Jugend, die Punch (1)
beschreibt?
Hören wir eine Feststellung des indischen Wissenschaftlers Professor Sir Jagadis Chandra Bose bei seiner Forschung über Nervenimpulse in Pflanzen:
„Eine Pflanze, die mit Glas sorgfältig von Einflüssen der Aussenwelt abgeschirmt ist, mag zwar gesund und bestens
gedeihend aussehen - in Wirklichkeit sind ihre höheren Nervenfunktionen aber verkümmert. Setzt man das erschöpfte
Exemplar aber einer Reihe von elektrischen Schlägen aus, so schaffen dieselben Nervenkanäle und erwecken die bloss
scheinbar lebendige Pflanze von neuem zum Leben. Sind es ebenso nicht auch Widrigkeiten und Widerstände, nicht
schützende Wattebäusche, die einem Mensch Raum lassen, sich voll zu entwickeln?“
Wir täuschten uns im Glauben, Bildung und Erziehung hätten sich durch die entsetzlichen, vom Krieg
verpassten Schläge verändert; aber nein, Irrtümer der Bildung und Erziehung gibt es wie eh und je. Es gibt
sie immer noch, diese unverbesserlichen Besserwisser, deren Vorurteile hoffentlich dazu dienen, den
meisten von uns für ihren Irrwitz die Augen zu öffnen. Was, wenn Eltern und Lehrer im Eifer des Gefechts
ihre Aufgabenliste missdeuten, ihre Aufgaben künstlich aufbauschen und darüber hinaus auf der
Persönlichkeit der Kinder herumtrampeln?
Kinder brauchen kein sorgfältig künstlich konstruiertes Umfeld, sondern eine Atmosphäre, die niemand
erfinden musste. Sie existiert nämlich bereits als ein lebendiges, natürliches Element um das Kind herum,
genauso, wie auch die Erdatmosphäre uns umgibt. Personen und Sachen werfen sie aus der Bahn,
Ereignisse beleben sie, Liebe versüsst sie, und durch ausgewogenen Einsatz von Menschenverstand
strömt neue Luft hinzu und wirbelt abgestandene auf. Wir kennen doch alle die natürliche Umgebung, in
der ein Kind leben sollte: wir sehen vor unserem inneren Auge, wie es seiner Mutter im Haushalt hilft,
Ämtli einhaltet, mit seinem Vater herumtobt, von seinen Brüdern gestichelt wird und seine Schwestern es
liebkosen und verhätscheln; wie es aus seinen Stürzen lernt, auf die Bedürfnisse des Babys der Familie
Rücksicht nehmen muss und dabei Selbstverneinung lernt, ausgelassen mit Sofa und Tisch Seeschlacht
spielt; durch Besuche bei seiner Urgrossmutter Respekt vor den Älteren lernt, beim Spielen mit Freunden
die Gegenseitigkeit einer Beziehung erfährt; durch seinen Hund und seine Katze Vertrautheit mit Tieren
lernt; es sich über Felder mit Butterblumen und noch mehr über Brombeerhecken freut. Und was ist ein
effektiveres Mittel gegen soziale Vorurteile und Klassendenken, als wenn es sowohl mit den Leuten über
ihm als auch dem Koch, der Haushaltshilfe, dem Schmied und dem Schreiner und überhaupt mit
jedermann, der seinen Weg kreuzt, Umgang pflegt? Kinder haben eine natürliche Begabung für diese Art
von allseitiger, unterschiedsloser Vertrautheit und Ungezwungenheit. Natürlich muss eine erwachsene
Person es mit seiner Erfahrung unterstützen, damit seine Bewunderung nicht von falschen Freunden zu
deren eigenen Zwecken ausgenutzt wird. Kein zusammengeschustertes, künstlich konstruiertes Umfeld
kann es mit dieser frischen Luft, diesem erfrischenden, gesunden Wind, der mal von hier, mal von dort
weht, aufnehmen.
Sicherlich dürfen wir die Atmosphäre als Erziehungsmittel benutzen, jedoch gibt es eher
Einschränkungen für uns selbst, als für die Kinder. Die wichtigste Regel ist wahrscheinlich diejenige,
dass kein künstliches Element Teil der Atmosphäre sein darf - kein Berieseln mit Rosenwasser und
kein Auspolstern mit Kissen ist nötig. Kinder müssen dem Leben begegnen wie es ist. Kinder merken
nämlich, wenn etwas in der Luft liegt, und sich ihre Eltern sorgen und beunruhigt sind. „Mami, Mami,
dieses Mal wirst du aber nicht weinen, oder?“, und mit einer Umarmung versucht es, die Sorgen
wegzunehmen. Wir dürfen dem Kind nicht eine Käseglocke überstülpen und es in dieser Schutzglocke
ersticken. In einer realistischen Atmosphäre lernt das Kind für sein Leben. Ansonsten wird es verwöhnt
und verweichlicht und lernt dabei nicht mit Problemen umzugehen. Die Rollenverteilung darf aber nicht
verwässert werden, Eltern sind die Autoritätspersonen und tragen die Verantwortung, Kinder gehorchen.
Wiederum dürfen die Stärkeren weder ihre Lasten auf die Schwächeren abwälzen, noch den Kindern die
zermürbende Last des Entscheidungstreffens aufbürden. Sie ist die zermürbendste in unserem Leben.
Kleine Kinder sollten grundsätzlich davon erleichtert werden.
Möglicherweise ist die Atmosphäre in der Schule weniger in Gefahr. Doch unter Umständen wird so
verwässert und versüsst unterrichtet, Lehrpersonen können so gewandt und von sich eingenommen sein,
dass sie das Kind geradezu in eine kaum überwindbare intellektuelle Passivität und moralische
Abgestumpftheit hineintreiben. Vielmehr sollte man in jeder Schule eine belebende, wahre und ehrliche
Atmosphäre spüren. Auch hier kommt uns einmal mehr der gemeinsame Wissensdurst von Lehrperson
und Klasse zu Hilfe. Diesem entspringt eine frische Brise. Jeder, selbst ein Besucher, spürt dies und sieht
ein Leuchten von intellektuellem Leben und moralischer Gesundheit in den Augen von Lehrpersonen und
Kindern.
Dann gibt es aber auch die Schulen, in denen zwar hart gearbeitet wird, aber dies nicht aus Passion für
Wissen, sondern nur im Dienst unseres altbekannten Feindes, den Noten. Dann spiegelt sich auf diesen
jungen Gesichtern keine Heiterkeit und Fröhlichkeit, sondern Verbissenheit und Unruhe, gepaart mit einer
Neigung zu Ängstlichkeit und Sorge. Die Kinder schlafen schlecht, sind gereizt und missmutig oder
brechen in Tränen aus, wenn auch nur etwas schief geht. Dann wird es schwierig, mit ihnen
zurechtzukommen. Wenn das zutrifft, ist zu viel Sauerstoff in der Luft. Kinder leben in einer zu
anregenden Umgebung, und auf die nervliche Belastung, der sie ausgesetzt sind, muss zwangsläufig eine
Reaktion folgen. Die Lehrpersonen meinen dann, die Lektionen wären zu anspruchsvoll gewesen, die
Kinder sollten von diesem und jenem Fach suspendiert werden. Ärzte empfehlen vermutlich, Soundso
sollte für ein Jahr Auszeit nehmen, um sich zu erholen. Armes, kleines Ding! Ausgerechnet dann, wenn es
das Lernen für sein eigenes Fortkommen am dringendsten bräuchte, wird es sich selbst überlassen. Kein
Wunder, verschlechtert sich sein psychischer Zustand laufend und das Mädchen oder der Knabe wird in
die Schublade „nervliche Überanspannung“ gesteckt. Der Fehler ist jedoch bei der Atmosphäre und nicht
bei den gestellten Anforderungen zu suchen. Vielleicht ist die Lehrerin übermässig um das erfolgreiche
Bestehen ihrer Kinder besorgt und steckt sie durch ihre eigene Nervosität an. „Ich fürchte X wird seine
Prüfungen nicht bestehen. Es ist ja nicht so, dass er nicht gerne zur Schule geht, aber sobald ihm eine
Prüfungsfrage gestellt wird, bricht er in Tränen aus. Möglicherweise liegt es daran, dass ich ihn zu fest
gedrängt habe, mit nichts als seinem Besten zufrieden zu sein.“ Armer kleiner 7-jähriger Knirps, bereits
völlig erschöpft gemacht durch gut gemeinten Ehrgeiz. Wir erahnen glückliche Tage für Kinder, sobald alle
Lehrpersonen wissen, dass es, ganz unabhängig von der Klassengrösse, kein anspornenderes Motiv um
gute Arbeit zu produzieren gibt, als die angeborene Passion für Wissen. Die Ausgeglichenheit und
Fröhlichkeit, die in Schulen herrschen, die nach diesem Prinzip geführt werden, überraschen den
Beobachter, der sich vielleicht daran erinnert fühlt wie zufrieden ein Baby mit seinem Fläschchen ist.
Zusammenfassend können wir zwei verschiedene Wege einschlagen. Der eine ist das Schaffen einer
kontrollierten, kurzfristig zwar angenehmen aber langfristig entwürdigenden Gewächshausatmosphäre, in
der die Kinder gewiss schnell wachsen, aber geschwächt und abhängig werden. Der andere Weg ist, sie
behutsam durch des Lebens Stürme so zu begleiten, dass man sie nicht Gefahren aussetzt.
(1) Britisches Satiremagazin (1841-2002) http://www.punch.co.uk/ (13.11.2011)